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Tagging your life away

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Tagging your life away

The Internet goes social, sind Sie schon dabei? Nach programatic buying, Mobile Marketing oder Video Ads, scheint mir Social Media gerade das absolute Top of Mind Thema der Online Marketing Welt zu sein. Unser Business lechzt bekanntlich nach immer Neuem, damit all die Online Experten und Media Berater sich ein neues Set fancy Buzzwords aneignen können, um diese dann bei ihren Kunden, auf Vorträgen oder beim Smalltalk mit Geschäftsfreunden wie zufällig fallen zu lassen und so aktuelles Herrschaftswissen zu bezeugen. Also höchste Zeit lieber Leser, sich näher mit dem Phänomen der digitalen Beziehungskultur zu beschäftigen.

Step 1: Lerne das Social Media Sprech

Haben Sie sich schon einmal tiefer mit dem Thema Social Marketing beschäftigt? Facebook, Instagram, Youtube, Snapchat, Twitter schon mal gehört, gesehen, gemacht? Ja? Dann sind Ihnen Begriffe wie Snappy, hashtaggen, Trophybox oder Engagement bestimmt so vertraut wie der Kosename Ihrer Gattin oder des Gatten. Sie sind ihnen in Fleisch und Blut übergegangen und Sie können sie auch noch nach der vierten Flasche Amarone mit Ihren Freunden ohne Stottern und ohne zu überlegen der Dame des Hauses ins Ohr zwitschern, um den sicheren Beweis zu erbringen, diesmal nicht über die Stränge geschlagen zu haben. Gratuliere, Sie sind wirklich Up to date in Sachen Social Media, kennen Ihre Community, in welchen Netzwerken sie zu finden ist und lassen sich auch nicht von selbsternannten Influencern bezüglich der Wertigkeit ihrer Follower und Fans über den Tisch ziehen.

Alle anderen Leser, die schon bei „hashtaggen“ ausgestiegen sind, sei versichert, das ist nicht schlimm, auch ich bin noch ein Antwortsuchender im Meer der Sozialen Netzwerke. Und ich beschäftige mich nun seit mehreren Monaten intensiv und beruflich mit dem Thema Social Marketing.

Step 2: „Content“ is King…

Ich suche Antworten auf Fragen wie z.B. „wie um alles in der Welt ist es möglich, dass diese Instagram Bloggerin (vulgo aber passender: I-Bitch) vierzigtausend Follower ihr Eigen nennt?“ Dabei beinhalten die Posts sinnentleerte Fotos von den Beinen der Bloggerin sowie einem in Szene gesetzten Chai Latte cinnamon decaf einer total überteuerten internationalen Coffee-To-Go Kette. Die erhellende Bildunterschrift lautet: „Coffee break nach der Shoppingtour mit MBF. Mmhhh… Chai Latte cinnamon decaf von einer total überteuerten internationalen Coffe-To-Go Kette, nom, nom, nom.“ Gefolgt von drei Smilies, einem Emoji in Gestalt einer Kaffeetasse und den unerlässlichen 30 Hashtags, die das Thema des Posts umschreiben und für die Community da draußen auffindbar machen. Meist handelt es sich hierbei um Mädchen und junge Frauen, die uns Einblick in Ihren „aufregenden“ Alltag geben und sich mit Modeblogger titulieren.

Alleine die Klärung der Frage nach dem „Warum posten Menschen sinnentleerte Einblicke aus ihrem Leben“, würde meines Erachtens ein groß angelegtes, staatlich gefördertes Forschungsprojekt rechtfertigen. In Ermangelung wissenschaftlich fundierter Studien postuliere ich: Narzissmus. Umso faszinierender ist für mich allerdings das Phänomen der vielen tausend Follower, die diesen „Bloggerinnen“ folgen und ihre Bewunderung teils auf das Devoteste kundtun.  Da wird jedes noch so inhaltslose Bild mit Likes und Kommentaren wie: „Oohhh, Du siehst heute wieder so unwahrscheinlich toll aus! (drei Mal Herzchen-Emojies)“ beklatscht. Why?

Step 3: Erweitere die Fanbase und werde Influencer

Es bedarf zugegebener Maßen einiges an Zeit und Aufwand, seine Follower Base über Facebook, Instagram und Co. bei Laune zu halten und wenn möglich zu vergrößern. Da sollte Bloggerin schon am Ball bleiben und besser mehrmals täglich latest news aus dem harten Alltag als selbsternannte Modebloggerin ins Netz stellen. Um einen regelmäßigen Fluss an Content zu gewährleisten, wird da gerne zum x-ten Mal der Pulli der letzten Shoppingaktion (oder Haul, wie das die Jugend heute nennt) neu drappiert und mit unterschiedlichen Accessoires fotografiert, in der Hoffnung, die Follower werden so den nun schon mehrfach geposteten Pullover immer noch für überraschend neu halten. Dieser Workaround lässt sich beliebig oft wiederholen und den euphorischen Reaktionen der Follower zu beurteilen, scheint dies immer wieder aufs Neue zu funktionieren

Hat die besagte Bloggerin dann lange genug schöne Fotos von sich, ihren Beinen und den vielen Einweg Coffee- to- Go Bechern mit ihrem Lieblings-Chai bei Instagram oder Snapchat hochgeladen oder, noch besser, gefilmt und im eigenen Youtube Channel hinterlegt sowie genügend Follower gesammelt, wird diese nun interessant für die Werbeindustrie. Sie ist dann nicht mehr nur Mandie5star oder spree.jule.98, sondern Influencerin, deren Community mit dem richtigen Product Placement über „meine neueste Lieblingsmascara von Chauvage Chauvage“ und „das süße Top, das ich da gerade trage, ist übrigens von Checky Wuu, dem neuen It-Label aus den Staaten“ informiert werden kann.

Step 4: Werde unendlich reich

In Deutschland beginnt das Influencertum bei etwa 20.000 Followern. Dann ist man oder frau noch ein kleiner Fisch. Aktiv betrieben, erwirtschaftet ein Blogger, der mit „Beine, Chai-Latte, jom, jom, jom“ Bildern die Sozialen Netzwerke tapeziert, eine schöne Urlaubsreise pro Jahr. Richtig spannend wird´s dann bei einer Millionen Followern und mehr, was zugegeben, eine wirklich respektable Größe ist. Spätestens ab diesem Zeitpunkt lohnt es sich, seinen Brötchenjob an den Nagel zu hängen und sich dem professionellen Bloggertum zu widmen. Warum? Weil ein Influencer im Schnitt einen TKP von 10 Euro aufruft. Der schnell rechnende Mediaplaner hat nun fix eine glatte Summe mit einer 10 und drei weiteren Nullen vor dem Komma taxiert. Sie haben richtig gehört, zehntausend Euro für EINEN Post! Gut, da kommen noch die Abzüge für Agentur, Steuern und Spesen runter. Aber Summa Summarum lässt sich mit etwas Glück und genügend Followern ein Jahreseinkommen erwirtschaften, das dem eines Bankdirektors einer mittleren Bank entspricht. Nicht schlecht für ein paar Farbfotos mit Beinen und Chai-Latte-Becher.

Star der deutschen Influencer Szene dürfte Dagi Bee sein. Als ich bei Recherchen für unseren Kunden vorsichtig nach Preise anfragte, wurde mir für drei Postings in ihrem Youtube Kanal ein derart hoher Betrag genannt, dass ich noch heute Schnappatmung bekomme, wenn ich den Namen Dagi Bee höre. Wen es interessiert: Mit dem doppelten des durchschnittlichen deutschen Jahres-Bruttoeinkommens sind Sie dabei. Gut, da kann man bestimmt noch den ein oder anderen Rabatt aushandeln. Aber selbst dann kann man anerkennend feststellen, da hat jemand alles richtig gemacht und wieso habe ich ein Hochschulstudium hinter mich gebracht?

Fazit:

Für mich heißt das, höchste Zeit, endlich selbst Influencer, reich und berühmt zu werden. Mit Mode Blogging dürfte es bei mir allerdings etwas schwer werden. Mein reifes Alter, ein Hauch von Liebeshenkel um die Taille sowie leichte Faltenbildung in Gesicht und Gesäß sind nicht unbedingt deckungsgleich mit den gängigen Modelmaßen. Außerdem scheue ich mich, mir meine Beine für die Coffee-to-Go Shoots zu rasieren. Stattdessen schwebt mir die Social Karriere als kritischer Beobachter des Online Marketings vor, der über Tops und Flops unseres Metiers berichtet und diese wohlwollend, weise und wenn nötig mit aller Härte zu kommentieren. Die entsprechenden Accounts bei Facebook, Twitter und Co. habe ich schon registriert. Fehlen nur noch Hashtag-Strategie, Content und die ersten Follower. I´ll keep you informed!

Ihr

Thomas Münzer