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Come to the dark side II – Von wegen the dark side has cookies

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Come to the dark side II – Von wegen the dark side has cookies

Sind Sie ein neugieriger Internet User und haben sich in die nicht kartographierten und indexierten Gegenden des Webs begeben? Sind Sie auch dem Lockruf „Come to the dark side, we have cookies“ gefolgt?  Also, wenn man sich näher mit dem Thema Darknet und Deepweb beschäftigt, verliert die Sache ziemlich schnell an Sexappeal. Zumindest erging das mir so.

Bei mir begann die Ernüchterung zu einem recht frühen Zeitpunkt. Nachdem ich voller Stolz den neuesten Tor Browser auf die Linux Distribution installiert hatte, wurde mir nämlich erst einmal bewusst, dass ich eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte, wie es jetzt weitergeht. Einfach nur „Nutten und Koks“ in die Browserzeile zu tippen, um nach dem Drücken der Enter Taste auf ein Füllhorn serviceorientierter Liebesarbeiterinnen mit breitem Wissensspektrum diverser Entspannungstechniken sowie eine Liste erlesenster Rauschmittel zu Discountpreisen zu stoßen, funktioniert leider nicht. Wirklich, ich habe es ausprobiert.

Nach ein paar weiteren, vergeblichen Versuchen, endlich an die spannenden, Illegalen Dinge zu kommen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben (Suchbegriffe: Sturmgewehr, Auftragsmörder, Kidnapping, Chrystal Meth u.ä.) wird einem langsam klar, dass es für den Besuch des Darknets doch noch etwas mehr bedarf, als nur mal eben schnell den richtigen Browser zu installieren. Hier nun einen Tipp, wenn Sie zu irgendeinem Problem einmal nicht weiterwissen, egal was: gehen Sie auf youtube und geben Sie Ihr Frage im Suchfeld ein. Ich schwöre, irgendjemand vor Ihnen hatte bereits das gleiche Problem und sah sich bemüßigt, dessen in Form eines kleinen „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner“ Aufklärungsvideos dem Rest der Menschheit zugänglich zu machen. So verhält es sich auch beim Thema Darknet für Dummies.

Ein paar erhellende Videos und unzählige Kommentare diverser, meist mitten in der Pubertät steckender, selbsternannter Hackerkönige später, war ich nicht nur klüger in Punkto Darknet, dessen speziellen Suchmaschinen und was es mit dieser Torverschlüsselung genau auf sich hat. Ich wurde auch zum nicht mehr zählbaren Mal darauf hingewiesen, dass die Inhalte auf cam-a-lot, hitman-network und shadow-web endskrasses Zeug sind und man als psychisch gesund attestierter Mensch besser einen weiten Bogen darum machen sollte. Man laufe ansonsten in Gefahr, des Nachts von Albträumen geplagt zu werden, oder schlimmer noch, sich einen bleibenden Knacks fürs Leben einzufangen.

Zugegeben, das Themenspektrum der aufgezählten Websites ist vielleicht nicht ganz geeignet, um als pädagogisch wertvolle Lehrinhalte oder leichte Unterhaltung für den entspannten Feierabend mit Bier und Schnittchen durchzugehen. Hier geht’s von Auftragsvergewaltigungen Minderjähriger über den Handel von Sklaven (nein, nicht die Jungs im Ledergeschirr, die sich von ihrer Herrin mal kurz mit der Gerte den Hintern versohlen lassen, da geht es um echte, entrechtete Arbeitssklaven!) bis hin zum Lieferdienst frischer Menschen, deren Bestimmung es ist, bei kultischen Zeremonien Luzifer & Co. geopfert zu werden, Zielgruppe: Liebhaber echter Satansbeschwörung. Wer um alles in der Welt bestellt sich einen Menschen, um diesen in geselliger Runde mit ein paar guten Freunden und bei stimmungsvollem Kerzenschein im Partykeller nach allen Regeln der satanischen Kunst von der Welt der Lebenden ins Reich der Toten zu versetzen?

Gott sei Dank musste ich nicht selbst Zeuge dieser Gräueltaten werden, da medienversierte, mental total gefestigte Computerkids im Stimmbruch das Screening der besagten Internetauftritte vornahmen und mit ihrem Wissen in youtube Filmen den Rest der Welt vor den Abgründen menschlicher Perversionen warnen konnten. Sollte allerdings unter den Lesern des Artikels ein schwedischer Krimiautor sein, der mit dem Plot seines nächsten Romans noch uneins ist, der wird auf Sklavenlieferando und Satansbringdienst genug Inspiration für ein Bestsellersequel finden.

Zugegeben, ich habe keine der „Top Ten der abartigsten Darknet Sites“ selbst besucht. Das hat mehrere Gründe. Zum Teil liegen die Inhalte weit über meinem eigentlich äußerst robustem Schmerzempfinden, oder die besagte Seite ist unter der angegebenen URL einfach nicht mehr zu finden. Und damit kommen wir auch schon zu einem der ersten und wichtigsten Dinge, die der ambitionierte Darknetnovize lernt; ich nenne es das „nix ist für die Ewigkeit!“ Axiom oder Axiom 1. Da die interessanten Seiten so ziemlich ausnahmslos illegale Dinge zum Inhalt haben und die Judikative auch im Darknet ihrer Aufgabe der Strafverfolgung nachgeht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Link zum Päderasten-Freunde Blog oder Vatis Kifferstore gekappt wird. Unter neuer Adresse und neuem Namen, aber gewohnten Look gehen die Geschäfte dann in einer anderen Ecke des Darknets weiter.

Damit komme ich zum zweiten Darknet-Axiom: „in is in, out is out“. Ich definiere damit den Umstand, dass man sich eine Art Street Credibility aufbauen muss, um Zugang zu den diversen Zirkeln zu bekommen. Innerhalb dieser Zirkel werden dann auch die News zu Schließungen und Umzügen von Darknetseiten kommuniziert, sodass man schnell zum business as usual zurückkehren kann. Der Otto-Normal Surfer hingegen, der die URL, die er nach langem googeln endlich auf einer Seite eines selbsternannten Nachwuchshackers gefunden hat und tatsächlich eine Website mit Inhalt zu Gesicht bekommt, darf sich wie der Gewinner einer Traumreise auf die Malediven fühlen. Mir wurde das Bacardi Feeling genau zweimal zu teil. Beide Male handelte es sich um Distributoren von bewusstseinserweiternden Substanzen.

Wie man es schafft, in die erlauchten Zirkel aufgenommen zu werden und endlich einen willenlosen Arbeitssklaven für Küche, Dusche, Bad aussuchen zu können, ist mir bis jetzt verborgen geblieben. Vielleicht muss der Antragsteller ein Video an ein Komitee schicken, in dem er mit herrischen Blick einen schwarzen Tagelöhner zur Arbeit im Baumwollfeld mittels gezielter Peitschenhieben animiert. Da ich weder Interesse an einem neuen Haussklaven habe noch gerade ein Auftragsmord ansteht, habe ich nicht vor, mich näher mit den Gepflogenheiten dieser für mich befremdlichen Subkulturen zu beschäftigen.

Bleiben noch die auf das Deepweb spezialisierten Suchmaschinen und Kataloge, um sich in den dunklen Ecken des Internets zurecht zu finden. Es gibt einige davon. Torch dürfte das bekannteste und größte sein. Man darf allerdings nicht die gleiche Trefferqualität und Auswahl an Sucheinschränkungen erwarten, die wir von google oder bing erwarten. Aber immerhin, mit den richtigen Suchbegriffen lassen sich teilweise ganz spannende Seiten finden. Leider gilt auch bei der Nutzung von Suchmaschinen Axiom 1 „nix ist für die Ewigkeit“. Viele Seiten sind einfach nicht mehr zu erreichen, weil deren Links nicht mehr existent sind.

Sie merken worauf ich hinaus will. Das Surfen im Darknet ist bei weitem beschwerlicher und frustrierender als man es vom klassischen Internet gewohnt ist. Wer sich nicht gerade den persönlichen Jahresbedarf an Crystal Meth, die neuesten Fotos kopulierender Minderjähriger Blondinen besorgen, oder mit anderen Oppositionellen einen Diktator eines Militärstaats stürzen möchte, wird nicht lange im Darknet verweilen wollen.

Obwohl ich weder Junkie noch Liebhaber abgedrehter Satanskulte bin und zurzeit auch keinen diskreten Auftragsmörder suche, schaue ich ab und zu bei Tor und Torch vorbei. Es ist immer wieder spannend, was hier alles für harte Bitcoins angeboten wird.

In Erinnerung geblieben sind mir:

  • eine vergoldete Pistole der Marke Glock, für die James Bond Bösewicht Gold Finger über Leichen gegangen wäre, um sie in seinen Besitz zu bekommen
  • die Diskussion zwischen einem Verkäufer und seinem scheinbar nicht ganz volljährigen Kunden, wie er die gewünschten 2 Kilo AK47 (Canabis) am besten geliefert bekommen könnte, ohne dass seine Mutter davon etwas mitbekommt

Erwähnenswert ist im Übrigen auch die künstlerische Kraft, mit der Darknet Seiten zusammengeklopft sind. Wer sich von Ihnen noch an das Web 1.0 erinnern kann, hat schon mal eine optische Vorstellung: viel Text, kaum Bilder, keine raffinierten Designelemente und Times New Roman Schriftart. Die Deepnet-Webdesigner vermitteln meisterlich das Gefühl einer protestantischen Arbeitsethik, schlicht, nüchtern, effizient.

Ich habe es übrigens bis heute nicht geschafft, auch nur eine einzige Quelle für Software zu finden, die in irgendeiner Weise etwas mit Online Marketing zu tun hat. Als neugieriger Mensch und bereits mehrfach geschädigter Marketeer, interessiert es mich brennend, welche Tools zur illegalen Bereicherung en vouge sind und mit welchen Investitionskosten für so etwas zu rechnen sind.  Wo, wenn nicht im Darknet, soll man den bitte die vielbeschimpften Klickbots, Socialbots und Linkfarmen auftreiben?

Abschließend bleibt mir zu sagen, dass ich nun weiß, was das Deepnet und Darknet ist und wie sie funktionieren. Und nein, Cookies habe ich keine gefunden. Aber sollte ich irgendwann einmal in die Verlegenheit kommen, Sachen zu benötigen, die mir Amazon und co. nicht liefern können, weiß ich jetzt immerhin, wo ich am besten danach suchen kann. Mögen Axiom 1 und 2 mit mir sein!

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